Alle Lernartikel

Studie · 14. Oktober 2026 · 9 Min. Lesezeit

Minervini, Kell und Qullamaggie nachgebaut: Was die Originalregeln im Backtest bringen

Redaktion FindAsset · So arbeiten wir

Wir haben die Kauf- und Verkaufsregeln von Mark Minervini, Oliver Kell und Kristjan Kullamägi (Qullamaggie) so nah am Original nachgebaut, wie es mit Tageskursen geht, und jede Methode als Musterdepot von Mai 2022 bis September 2026 gerechnet. Keiner der drei Nachbauten war in beiden Testzeiträumen besser als die einfachere Regel, die unser Screener heute verwendet. Und keiner hat den S&P 500 geschlagen.

Unser Screener bewertet Aktien nach den Kriterien bekannter Momentum-Trader. Die Regeln dahinter sind Vereinfachungen. Bei Qullamaggie prüfen wir zum Beispiel das Momentum der letzten 60 Tage und die Nähe zum Hoch, aber nicht die enge Konsolidierung, auf die er selbst so viel Wert legt. Die naheliegende Frage war deshalb: Wird es besser, wenn wir näher ans Original rücken?

Wir hatten fest damit gerechnet. Die Methoden dieser Trader sind öffentlich beschrieben, teils in Büchern, teils in Vorträgen und Streams. Sie haben damit über Jahre Geld verdient, Minervini und Kell sogar die US Investing Championship gewonnen. Wenn man ihre Regeln genauer umsetzt, sollte mehr dabei herauskommen. Kam es aber nicht.

So haben wir getestet

Der wichtigste Teil zuerst, weil er die Zahlen erst lesbar macht. Für jeden Nachbau haben wir die Regeln aufgeschrieben, bevor der erste Test lief, und danach nichts mehr verändert. Wer erst rechnet und dann die Regeln anpasst, findet in alten Kursen fast immer etwas, das gut aussieht. Mit Zukunft hat das wenig zu tun.

Getestet wurde auf 887 US-Aktien aus S&P 500 und S&P 400. Jede Methode bekam ein Musterdepot mit 100.000 $, 1 % Risiko je Trade und höchstens acht Positionen gleichzeitig, dazu 0,2 % Kosten auf jeden Kauf und Verkauf. Stops wurden wie echte Orders behandelt: Öffnet eine Aktie mit einer Lücke unter dem Stop, gilt der Eröffnungskurs.

Und wir haben zwei Zeiträume getrennt betrachtet, 2022 bis 2024 und 2025 bis September 2026. Ein Nachbau sollte die heutige Regel nur ersetzen, wenn er in beiden Zeiträumen besser ist. Ein einzelner guter Zeitraum beweist wenig, schon gar nicht 2025 und 2026, als Halbleiter- und KI-Werte die größten Gewinner stellten.

Minervini: Der komplette SEPA-Ansatz

Mark Minervini beschreibt in seinen Büchern ein mehrstufiges Vorgehen. Die Aktie muss sein Trend Template erfüllen, also acht Bedingungen an Kurs und gleitende Durchschnitte. Dann wartet er auf ein VCP, eine Basis, in der die Schwankungen von Welle zu Welle kleiner werden. Gekauft wird der Ausbruch aus der engsten Stelle mit erhöhtem Volumen, der Stop liegt knapp darunter. Läuft der Trade, verkauft er einen Teil in die Stärke und zieht den Stop auf den Einstand nach.

Genau so haben wir es gebaut: alle acht Trend-Template-Kriterien inklusive relativer Stärke, VCP-Erkennung, Ausbruch über das Hoch der letzten zehn Tage mit mindestens 1,4-fachem Volumen, Stop unter der engen Zone (2 bis 8 %), Hälfte bei dreifachem Risiko verkaufen, Rest halten, bis der Kurs unter die 50-Tage-Linie fällt.

Das Ergebnis war ernüchternd. In gut vier Jahren gab es nur 181 Trades, das Depot kam auf +13 %. Unsere heutige, viel gröbere Minervini-Regel schafft im selben Zeitraum +75 %. Seit 2025 liegen beide knapp im Minus. Nur 31 % der Nachbau-Trades waren Gewinner, und die zehn besten brachten zusammen mehr als das Vierfache des gesamten Gewinns. Die übrigen 171 Trades haben unterm Strich also Geld gekostet.

Was fehlt, sagt Minervini selbst: Fundamentaldaten. Er kauft bevorzugt Firmen, deren Gewinne und Umsätze kräftig wachsen. Das haben wir in einem zweiten Schritt mit Quartalsdaten der US-Börsenaufsicht SEC nachgerüstet. Ergebnis: 2022 bis 2024 deutlich schlechter, seit 2025 deutlich besser. So widersprüchliche Resultate taugen nicht als feste Regel. Bei uns fließen die Fundamentaldaten deshalb nur als Information in die KI-Analyse ein.

Kell: Der Preiszyklus

Oliver Kell, US Investing Champion 2020, beschreibt einen Zyklus, den eine starke Aktie immer wieder durchläuft. Zwei Stellen darin kauft er besonders gern. Den Wedge Pop, wenn eine Aktie nach einer Schwächephase mit Volumen über ihre kurzen Durchschnitte zurückspringt. Und den EMA Crossback, den Rücksetzer an die 20-Tage-Linie in einem laufenden Trend. Verkauft wird teilweise, sobald die Aktie sich weit von der 10-Tage-Linie entfernt, der Rest fliegt raus, wenn der Kurs unter die Linien fällt.

Dieser Nachbau war der interessanteste. Über den ganzen Zeitraum kam er auf +57 % und lag damit vor unserer heutigen Kell-Regel (+42 %). Von 2022 bis 2024 war er klar besser, seit 2025 aber deutlich schlechter, +27 % gegenüber +45 %. Nach unserer eigenen Regel reicht das nicht.

Spannender als das Gesamtergebnis ist, woher es kam. Der Wedge Pop allein verlor Geld (−11 %). Der EMA Crossback allein kam auf +68 %. Und ohne den Filter auf relative Stärke, der nur die stärksten 20 % aller Aktien zulässt, rutschte der ganze Nachbau auf −21 %. Kells Methode funktioniert in unserem Test also vor allem dann, wenn man sie auf Marktführer beschränkt.

Ob der Crossback allein eine gute Regel ist, wissen wir trotzdem nicht. Diese Idee ist erst entstanden, nachdem wir die Ergebnisse gesehen hatten. Sie ehrlich zu prüfen geht nur auf neuen Kursdaten, also ab jetzt.

Qullamaggie: Breakout und Episodic Pivot

Kristjan Kullamägi handelt im Kern zwei Situationen. Den Breakout: Eine Aktie ist stark gestiegen, beruhigt sich ein paar Tage bis Wochen in einer engen Spanne und bricht dann mit Volumen nach oben aus. Und den Episodic Pivot, einen Kurssprung nach einer Überraschung wie starken Quartalszahlen. Nach drei bis fünf Tagen verkauft er einen Teil, den Rest lässt er laufen, bis der Kurs unter die 10-Tage-Linie fällt.

Beides haben wir nachgebaut, dazu seinen Ausstieg: halbe Position am dritten Tag verkaufen, wenn sie im Plus ist, Stop für den Rest auf den Einstand. Weil Qullamaggie nur bewegliche Aktien handelt, kamen nur Werte mit mindestens 3,5 % durchschnittlicher Tagesspanne infrage.

Der Nachbau landete bei +38 % und damit in beiden Zeiträumen hinter der heutigen Regel (+46 %). Seit 2025 steht er bei null. Ein Detail ist trotzdem bemerkenswert: Der Episodic Pivot allein gewann in 51 % der Fälle und hatte mit −13 % den kleinsten Rückschlag aller Varianten. Nur gab es davon lediglich 178 Signale in vier Jahren, zu wenig für ein Urteil.

Qullamaggie selbst handelt vor allem kleinere Werte, die in unserem Universum aus S&P 500 und S&P 400 kaum vorkommen. Dazu prüft er den Katalysator hinter einem Kurssprung, und das kann ein Backtest auf Kursdaten nicht. Eine Erweiterung auf rund 2.100 Aktien inklusive Small Caps hatten wir schon früher getestet, auch das brachte keinen Vorsprung.

Die Zahlen im Überblick

Nachbau nach Originalmethode gegen die heutige Screener-Regel und den S&P 500
DepotMai 2022 – Sept. 20262022–242025–26
Minervini (SEPA)+13 %+13 %-2 %
heutige Screener-Regel+75 %+70 %-2 %
Kell (Preiszyklus)+57 %+12 %+27 %
heutige Screener-Regel+42 %+3 %+45 %
Qullamaggie (Breakout + EP)+38 %+38 %-1 %
heutige Screener-Regel+46 %+45 %+10 %
S&P 500+101 %+52 %+32 %
Fett: Nachbau besser als die heutige Regel im selben Zeitraum. Depot: 100.000 $, 1 % Risiko je Trade, höchstens 8 Positionen, 0,2 % Kosten je Kauf und Verkauf. Jeder Zeitraum startet mit eigenem Depot.

Alle drei Nachbauten schlagen übrigens den Zufall. Ein Depot, das an denselben Tagen dieselbe Zahl zufällig gezogener Aktien mit denselben Regeln handelt, landet im Median im Minus. Die Methoden filtern also durchaus etwas heraus. Es reicht nur nicht, um eine einfachere Regel oder einen Indexfonds zuverlässig zu schlagen.

Warum genauer nicht besser ist

Wir sehen dafür zwei Gründe, und beide haben mit dem zu tun, was in den Büchern nicht steht.

Der erste ist die Auswahl. Ein Trader wie Minervini sieht an einem Tag vielleicht vierzig Aktien, die seine Kriterien erfüllen, und kauft zwei davon. Welche zwei, entscheidet er nach Chartbild, Branche, Nachrichtenlage und Erfahrung. Ein Backtest kauft dagegen jeden Treffer, solange Platz im Depot ist. Je genauer man die Regeln nachbaut, desto seltener werden die Signale, und desto stärker hängt das Ergebnis an wenigen Zufallstreffern. Beim SEPA-Nachbau sieht man das deutlich: 181 Trades, getragen von zehn.

Der zweite Grund ist der Zeitraum. Zwischen 2022 und 2026 gab es einen Bärenmarkt, eine lange Erholung und dann einen Boom, der sich auf wenige Branchen konzentrierte. Methoden, die auf einzelne Ausbrüche setzen, leben von solchen Phasen, leiden aber in anderen. Vier Jahre sind für eine Methode mit ein paar hundert Trades schlicht kurz.

Daraus folgt nicht, dass diese Trader nichts können. Es folgt, dass sich ihr Können nicht in eine Handvoll Regeln pressen lässt. Ihre veröffentlichten Kriterien sind ein guter Filter, sie ersetzen aber nicht die Entscheidung danach.

Was du daraus mitnehmen kannst

Wenn du nach einer dieser Methoden handelst, nutze die Kriterien als Vorauswahl und investiere die gesparte Zeit in die Auswahl. Führe ein Journal, in dem du festhältst, warum du einen Kandidaten nimmst und einen anderen nicht. Genau diese Begründungen sind der Teil, den kein Backtest abbildet, und nach ein paar Monaten siehst du, ob deine Auswahl besser ist als der Filter allein.

Und misstraue jedem, der dir eine Strategie mit Backtest verkauft, ohne zu sagen, wann die Regeln festgelegt wurden. Wir haben für diesen Artikel drei Methoden getestet, die alle besser hätten sein sollen. Hätten wir nach den ersten Ergebnissen weiter an den Regeln gedreht, stünde hier jetzt wahrscheinlich eine Erfolgsgeschichte.

Grenzen des Tests

Der Test nutzt die heutige Liste der Indexaktien auch für vergangene Jahre. Firmen, die zwischendurch aus dem Index gefallen sind, fehlen, das schönt alle Ergebnisse etwas. Einstiege erfolgen zum Schlusskurs, die Trader selbst kaufen oft während des Tages beim Durchbruch. Formen wie Keile oder Basen erkennt ein Programm anders als ein Mensch mit Lineal am Chart. Und vier Jahre sind ein kurzer Zeitraum. Die vollständigen Regeln und alle Grenzen beschreiben wir auf der Seite So arbeitet FindAsset, die Ergebnisse der heutigen Screener-Regeln in unserer Backtest-Studie.

Die Vorauswahl macht der Screener, die Entscheidung triffst du

FindAsset prüft über 900 US-Aktien viermal täglich nach den Kriterien von Minervini, Zanger, Qullamaggie und Kell. Auf jeder Strategieseite steht, was die Regel kann und was nicht.

Kostenlos starten

Häufige Fragen zum Nachbau

Funktionieren die Strategien von Minervini, Kell und Qullamaggie also nicht?+

Das zeigt der Test nicht. Er zeigt, dass ihre öffentlich beschriebenen Regeln, mechanisch angewendet, keinen stabilen Vorsprung liefern. Die Trader selbst wählen aus vielen Treffern wenige aus und beziehen Dinge ein, die in Kursdaten nicht vorkommen, etwa Katalysatoren und Branchenthemen.

Warum habt ihr die Regeln vorher festgelegt?+

Weil man in alten Kursen fast immer eine Regel findet, die gut aussieht, wenn man lange genug sucht. Wer die Regeln vor dem Test aufschreibt und danach nicht mehr ändert, misst, ob eine Idee trägt, und nicht, wie geschickt er die Vergangenheit nachgezeichnet hat.

Warum zwei getrennte Zeiträume?+

Eine Regel, die nur in einem Marktumfeld funktioniert, ist ein Glückstreffer. 2022 bis 2024 und 2025 bis 2026 waren sehr unterschiedliche Phasen. Was in beiden hilft, hat bessere Chancen, auch künftig zu helfen.

Welche Strategie schneidet bei euch am besten ab?+

Mit den heutigen Screener-Regeln die Zanger-Strategie: Sie lag als einzige in beiden Zeiträumen vor dem S&P 500 und auch pro Trade über einem Zufallskauf. Der Vorsprung ist aber knapp, über den ganzen Zeitraum liegt sie knapp hinter dem Index. Details stehen auf der Zanger-Seite.

Weiterlesen


Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung sowie keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Der Handel mit Wertpapieren ist mit erheblichen Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Backtests und historische Ergebnisse sind kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Entwicklung. FindAsset steht in keiner Verbindung zu den genannten Tradern.