Chartanalyse · 16. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit
Relative Stärke bei Aktien: RS-Linie und RS-Rating erklärt
Relative Stärke misst, wie sich eine Aktie im Vergleich zum Gesamtmarkt entwickelt — nicht, ob sie steigt, sondern ob sie besser läuft als der Index. Sichtbar wird das in der RS-Linie: dem Verhältnis aus Aktienkurs und Indexstand, als Linie unter den Chart gezeichnet. Steigt die RS-Linie, schlägt die Aktie den Markt; das funktioniert auch in Korrekturen. Verdichtet als Rangzahl heißt dieselbe Idee RS-Rating. Und wichtig: Relative Stärke (RS) ist nicht der RSI — die beiden haben außer dem Namen fast nichts gemeinsam.
Fast jede große Gewinner-Aktie der Börsengeschichte hatte eines gemeinsam, bevor der große Anstieg kam: Sie war bereits stärker als der Markt. William O'Neils Auswertungen der besten US-Aktien seit den 1950ern zeigen durchgehend hohe relative Stärke vor den größten Kursbewegungen — nicht danach. Genau deshalb steht relative Stärke im Zentrum jeder ernsthaften Momentum-Strategie, von Minervinis Trend Template bis zur Sektorrotation. Dieser Artikel erklärt, wie die RS-Linie funktioniert, was das RS-Rating misst und welche Signale wirklich zählen.
Was ist relative Stärke — und was nicht?
Relative Stärke beantwortet eine einzige Frage: Läuft diese Aktie besser als der Markt? Eine Aktie kann 10 % steigen und trotzdem relativ schwach sein, wenn der Index 20 % gemacht hat. Umgekehrt kann eine Aktie, die in einer Korrektur nur seitwärts läuft, während der Index 15 % verliert, enorme relative Stärke zeigen — sie hält sich, obwohl alles um sie herum fällt. Solche Aktien stehen auf den Einkaufslisten institutioneller Anleger: Irgendjemand kauft dort offensichtlich jede Schwäche auf.
Die wichtigste Abgrenzung zuerst, weil sie ständig verwechselt wird: Relative Stärke (RS) ist nicht der Relative Strength Index (RSI). Der RSI von Welles Wilder ist ein Oszillator, der die Aktie mit sich selbst vergleicht — er misst das Verhältnis von Auf- zu Abwärtstagen und pendelt zwischen 0 und 100, um „überkauft" oder „überverkauft" anzuzeigen. Relative Stärke vergleicht die Aktie mit dem Markt. Ein Momentum-Trader, der nach RS-Aktien sucht, aber den RSI-Indikator lädt, misst schlicht das Falsche.
Die RS-Linie: Berechnung und Lesart
Die RS-Linie ist denkbar einfach konstruiert: Aktienkurs geteilt durch Indexstand, Tag für Tag, als Linie gezeichnet — üblicherweise gegen den S&P 500. Der absolute Wert der Linie ist bedeutungslos, es zählt nur ihre Richtung:
- RS-Linie steigt: Die Aktie entwickelt sich besser als der Index. Das gilt auch, wenn beide fallen — die Aktie fällt dann einfach weniger.
- RS-Linie fällt: Die Aktie bleibt hinter dem Index zurück. Auch das gilt in beide Richtungen — eine steigende Aktie mit fallender RS-Linie ist ein Nachzügler, der nur von der Marktflut getragen wird.
- RS-Linie seitwärts: Die Aktie bewegt sich im Gleichschritt mit dem Markt. Kein Momentum-Kandidat.
Diese Unabhängigkeit von der Marktrichtung ist der eigentliche Wert der Linie. Im Bullenmarkt steigen fast alle Aktien — der Kurs-Chart allein sagt dann wenig über Qualität. Die RS-Linie filtert die Marktbewegung heraus und zeigt, wer wirklich führt.
Das RS-Rating: relative Stärke als Rangzahl
Die RS-Linie zeigt eine Aktie im Detail — für das Screening über hunderte Aktien braucht es dieselbe Information als Zahl. Das bekannteste Format ist das RS-Rating von Investor's Business Daily (IBD): eine Perzentil-Rangzahl von 1 bis 99, die die Kursentwicklung der letzten zwölf Monate (jüngere Monate stärker gewichtet) gegen alle anderen Aktien des Universums stellt. Ein RS-Rating von 90 bedeutet: Diese Aktie hat 90 % aller Aktien geschlagen.
Die Maßstäbe der bekannten Momentum-Trader sind deutlich:
- Mark Minervini verlangt im Trend Template ein RS-Rating von mindestens 70, bevorzugt werden Werte in den 80ern und 90ern — relative Schwäche ist für ihn ein Ausschlusskriterium, egal wie gut der Chart sonst aussieht.
- William O'Neil fand in seinen Studien, dass die größten Gewinner-Aktien vor ihrem Anstieg im Schnitt ein RS-Rating von etwa 87 hatten. Seine Konsequenz: Stärke kaufen, nicht Schwäche.
Ohne IBD-Abo lässt sich die Idee näherungsweise selbst bauen: Kursentwicklung über mehrere Zeitfenster (etwa 1, 3, 6 und 12 Monate) messen, gewichten und alle Aktien des Universums danach sortieren. Genau so arbeiten die meisten Momentum-Screener — entscheidend ist weniger die exakte Formel als das Prinzip Perzentil-Ranking: Es zählt der Platz im Feld, nicht die absolute Rendite.
Die Signale, die wirklich zählen
Drei Konstellationen der RS-Linie haben sich als besonders aussagekräftig erwiesen:
- Die RS-Linie macht ein neues Hoch vor dem Kurs. Die Aktie konsolidiert noch in ihrer Basis, aber die RS-Linie ist bereits über ihr letztes Hoch gelaufen — die Aktie schlägt den Markt schon, bevor der Ausbruch sichtbar ist. Diese Divergenz gilt als eines der stärksten Vorlauf-Signale überhaupt; IBD markiert sie in seinen Charts eigens mit einem blauen Punkt.
- Relative Stärke in der Marktkorrektur. Wenn der Index fällt und eine Aktie ihre Basis hält oder sogar steigt, zeigt die steigende RS-Linie, wo sich institutionelles Kapital versteckt. Die Führer der nächsten Aufwärtsbewegung rekrutieren sich überproportional aus genau diesen Aktien — deshalb sind Korrekturen für Momentum-Trader Beobachtungsphasen, keine Pausen.
- Der Ausbruch mit bestätigender RS-Linie. Ein Kurs-Ausbruch über die Basis ist deutlich vertrauenswürdiger, wenn die RS-Linie gleichzeitig ein neues Hoch macht. Bricht der Kurs aus, während die RS-Linie unter ihrem Hoch bleibt, trägt oft nur der starke Gesamtmarkt — nicht die Aktie selbst.
Das Gegenstück gilt genauso: Eine Aktie auf neuem Kurshoch mit fallender RS-Linie ist ein Warnsignal. Der Anstieg ist geliehen — vom Markt, nicht verdient.
Relative Stärke in der Praxis
Im Alltag eines Momentum-Traders taucht relative Stärke auf drei Ebenen auf, von grob nach fein:
- Sektor-Ebene: Welche Branchen schlagen den Markt? Kapital rotiert in Wellen — die stärksten Aktien kommen fast immer aus den stärksten Sektoren. Wie das funktioniert, erklärt der Artikel zur Sektorrotation; das Live-Ranking dazu liefert der Sektor-Check.
- Aktien-Ebene: Innerhalb der starken Sektoren die Aktien mit der höchsten relativen Stärke — nahe am 52-Wochen-Hoch, RS-Linie im Aufwärtstrend. Das ist der Kern des Minervini Trend Templates, das relative Stärke mit Trendstruktur-Kriterien kombiniert.
- Timing-Ebene: Der Einstieg selbst bleibt Sache des Setups — Ausbruch aus einer Basis, etwa einem VCP-Muster. Relative Stärke sagt welche Aktie, das Setup sagt wann.
Wer das von Hand macht, vergleicht hunderte Charts pro Woche. Praktikabel wird relative Stärke erst durch ein Ranking über das ganze Universum — worauf es dabei ankommt, steht im Screener-Ratgeber.
Die häufigsten Fehler
- RS mit RSI verwechseln. Der Klassiker. Wer „relative Stärke über 70" als RSI-Filter umsetzt, sucht überkaufte Aktien statt Marktführer — und wundert sich über die Ergebnisse.
- Schwäche kaufen, weil sie „günstig" aussieht. Die intuitive Reaktion auf eine Liste starker Aktien ist: „Zu spät, ich nehme den Nachzügler." Die Daten sagen das Gegenteil — relative Stärke setzt sich statistisch fort, Nachzügler bleiben meist Nachzügler. Stärke kaufen fühlt sich falsch an und ist trotzdem richtig.
- Relative Stärke im Bärenmarkt überschätzen. Eine steigende RS-Linie bedeutet in der Korrektur nur „fällt weniger als der Markt" — nicht „steigt". Beobachten und Watchlist füllen: ja. Kaufen ohne funktionierenden Gesamtmarkt und fertiges Setup: nein.
- Einen starken Tag für Stärke halten. Relative Stärke ist ein Wochen- und Monats-Konzept. Ein Tagesspike nach Quartalszahlen macht noch keine RS-Aktie — die Linie muss über Wochen höhere Hochs bauen.
- Nur die Rangzahl sehen, nie die Linie. Das RS-Rating verdichtet zwölf Monate in eine Zahl — ob die Stärke gerade zunimmt oder schon bröckelt, zeigt nur der Verlauf der RS-Linie. Vor dem Einstieg lohnt der Blick auf beide.
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Kostenlos startenHäufige Fragen zur relativen Stärke
Was ist relative Stärke bei Aktien?+
Relative Stärke misst die Kursentwicklung einer Aktie im Vergleich zum Gesamtmarkt, üblicherweise zum S&P 500. Eine Aktie zeigt relative Stärke, wenn sie den Index über Wochen schlägt — im steigenden Markt durch stärkere Anstiege, in der Korrektur dadurch, dass sie sich besser hält.
Was ist der Unterschied zwischen RS und RSI?+
Relative Stärke (RS) vergleicht eine Aktie mit dem Markt. Der Relative Strength Index (RSI) ist ein Oszillator, der die Aktie mit ihrer eigenen Vergangenheit vergleicht und überkaufte oder überverkaufte Zustände anzeigen soll. Für Momentum-Strategien ist RS die relevante Kennzahl — der ähnliche Name des RSI führt regelmäßig in die Irre.
Wie wird die RS-Linie berechnet?+
Aktienkurs geteilt durch Indexstand, Tag für Tag, als Linie unter den Chart gezeichnet. Steigt die Linie, entwickelt sich die Aktie besser als der Index; fällt sie, bleibt die Aktie zurück. Der absolute Wert der Linie hat keine Bedeutung, entscheidend ist nur ihre Richtung.
Was bedeutet das RS-Rating von 1 bis 99?+
Das RS-Rating (bekannt durch Investor’s Business Daily) ist eine Perzentil-Rangzahl: Es stellt die gewichtete Kursentwicklung der letzten zwölf Monate gegen alle anderen Aktien. Ein Rating von 90 heißt, die Aktie hat 90 % aller Aktien geschlagen. Minervinis Trend Template verlangt mindestens 70, bevorzugt 80er- und 90er-Werte.
Was bedeutet es, wenn die RS-Linie ein neues Hoch vor dem Kurs macht?+
Das ist eines der stärksten Vorlauf-Signale im Momentum-Trading: Die Aktie schlägt den Markt bereits, während der Kurs noch in seiner Basis konsolidiert. Bricht der Kurs anschließend aus, hat der Ausbruch statistisch bessere Chancen — IBD markiert diese Konstellation in seinen Charts mit einem blauen Punkt.
Sollte man Aktien mit hoher relativer Stärke nicht lieber meiden, weil sie schon gelaufen sind?+
Die Intuition sagt ja, die Daten sagen nein: Momentum-Studien und die Auswertungen von O’Neil und Minervini zeigen, dass sich relative Stärke tendenziell fortsetzt. Die großen Gewinner-Aktien hatten vor ihren größten Anstiegen bereits hohe RS-Ratings. Schwäche zu kaufen, weil sie günstig wirkt, ist der teuerste Standardfehler im Momentum-Trading.
Funktioniert relative Stärke auch im Bärenmarkt?+
Als Beobachtungsinstrument sogar besonders gut: Aktien, die in der Korrektur relative Stärke zeigen, führen überproportional oft die nächste Aufwärtsbewegung an. Als Kaufsignal reicht sie im Bärenmarkt aber nicht — eine steigende RS-Linie kann dort auch nur bedeuten, dass die Aktie langsamer fällt als der Markt.
Weiterlesen
- Das Minervini Trend Template im Detail
- VCP-Muster erkennen: Volatility Contraction Pattern Schritt für Schritt
- Sektorrotation verstehen: Wie Kapital durch die Börse wandert
Dieser Artikel dient ausschließlich Bildungs- und Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung sowie keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Der Handel mit Wertpapieren ist mit erheblichen Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Historische Ergebnisse sind kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Entwicklung.